Patrick Wolf
Presseberichte

Wetterauer Zeitung – »Der Rechtsstaat hat Flagge gezeigt«

Patrick WolfNachdem das Landgericht Gießen Patrick Wolf unter anderem wegen Drogenhandels und Volksverhetzung zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt hat, herrscht Erleichterung bei den Menschen, die sich gegen die rechtsextremen Aktivitäten des »Schlitzers« engagiert haben.

Einige von ihnen sind Echzells Bürgermeister Dieter Müller und Ordnungsamtsleiter Thomas Alber, der Grätsche-Vorsitzender Manfred Linss und der Vorsitzende der Antifaschistischen Bildungsinitiative (Antifa-BI), Andreas Balser. In einem sind sie sich einig: Die Aufklärungsarbeit in der Wetterau ist mit dem Urteil noch lange nicht zu Ende.

Bürgermeister Müller ist »überrascht über die Höhe des Strafmaßes«; das Urteil liege nahe an der Forderung der Staatsanwaltschaft (sieben Jahre und vier Monate). Auch wenn für die Echzeller Verwaltung, weil sie häufig mit Wolf zu tun hatte, sicher mehr erkennbar gewesen sei als für andere, habe man nicht alle Aktivitäten überblickt. Das Ausmaß habe erst der Prozess offenbart. »Angesichts der Vielfalt und des breiten Spektrums, das er negativerseits abgedeckt hat, ist das Urteil in Ordnung. Der Rechtsstaat hat Flagge gezeigt.«

Auch Ordnungsamtsleiter Alber hatte regelmäßig mit Wolf zu tun. Als er am 24. April 2010 eine Party des »Schlitzers« auflöste, wurde er von ihm als »Zecke« beschimpft – was Wolf eine Verurteilung wegen Beleidigung einbrachte.

»Ich bin mit dem Urteil sehr zufrieden«, sagt Alber. »Es dokumentiert das, was schon längere Zeit unsere Einschätzung war: Bei Patrick Wolf treffen kriminelle Energie und rechtsextreme Ideologie zusammen, was eine brisante und gefährliche Gemengelage darstellt.«

Das Thema Rechtsextremismus ist für Alber nicht dadurch abgehakt, dass Wolf nun mehrere Jahre hinter Gittern verwahrt wird. Der Lokale Aktionsplan habe trotzdem seine Berechtigung. »Man kann Patrick Wolf fast ›dankbar» sein, denn er hat deutlich aufgezeigt, was wir für ein Problem in der Mittleren Wetterau haben.« Wolf habe ja nicht alleine gefeiert. »Er hat mit seinem Wirkungskreis nicht nur einige Anhänger gefunden, sondern es gab auch Menschen, bis in Behörden- und Polizeistrukturen hinein, die das Ganze als Nachbarschaftsstreit abgetan haben und das auch so sehen wollten.«

Man müsse »das Bewusstsein dafür schärfen, dass es sich hierbei um eine Ideologie, eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit handelt.« Die werde gefährlich, wenn sie, wie bei Wolf, auf eine narzisstische Persönlichkeit treffe, die »einen Hang zu führenden Eigenschaften« habe. »Dagegen muss man bewusst vorgehen und Vielfalt, Respekt und Toleranz vermitteln. Weil das kein Eintagesgeschäft ist, brauchen wir den Lokalen Aktionsplan und seine Einzelprojekte.«

Auch Manfred Linss, Vorsitzender der Grätsche gegen Rechtsaußen, betont, der Verein werde seine Arbeit fortsetzen. Das Urteil sei ein Erfolg für alle, »die sich zivilgesellschaftlich engagiert haben«, doch das Thema sei mit dem Weggang einer Person nicht erledigt: »Wolf hatte ja eine Riesenklientel.«

Das Urteil empfindet Linss als »angemessen«. »Was mir besonders gut gefällt, ist, dass der Vorsitzende Richter Wolf attestiert hat, ein Rassist zu sein, ein menschenverachtendes Menschenbild zu haben und sich antisemitisch zu verhalten.« Darauf habe die Grätsche von Anfang an hingewiesen, doch sei es zunächst schwierig gewesen, die Mitbürger und auch die Polizei davon zu überzeugen, dass es sich bei dem Ärger in der Wiesengasse nicht um einen Nachbarschaftsstreit handele. »Nun kann kein Bürger mehr sagen: ›Wolf ist ein netter Mensch».«

Dass einige Anklagepunkte fallengelassen wurden, weil sie das Gesamtstrafmaß kaum beeinflusst, den Prozess aber in die Länge gezogen hätten, kann Linss nachvollziehen. »Den Großteil des Urteils machen die Drogendelikte aus.« Er wünsche Wolf, »dass er sich in den nächsten Jahren im Gefängnis mit sich selbst beschäftigt und sein Menschenbild überdenkt«.

»Ich hoffe, dass sich seine Einstellung ändert und er die Chance wahrnimmt, um darüber nachzudenken, was er angestellt hat«, sagt auch Antifa-BI-Vorsitzender Andreas Balser. »Bislang hat er sich nicht von seiner politischen Position distanziert. Seine Statements vor Gericht waren teilweise heftig.«

Vertreter der Antifa-BI waren bei den meisten Prozesstagen vertreten. »Ein mildes Urteil«, findet Balser. Er sei dennoch zufrieden: »Es wurde klargestellt, dass Wolf ein Antisemit und Rassist ist.«

Für die Antifa-BI bedeute das Prozessende den »Auftakt der richtigen Arbeit, sprich: die Aufarbeitung«. Man werde die Strukturen der Neonazi-Szene durchleuchten, die Workshops an den Schulen ausbauen und mit den Bürgermeistern sprechen: »Es gibt im Kreis deutlich zu wenig Angebote für junge Menschen.«

© Wetterauer Zeitung  5.12.2012

 

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