Wetterauer Zeitung – »Schlitzer« zeigt dem Gericht seine Tattoos

Hakenkreuze, Adolf Hitler, SS-Totenkopf, Reichsadler und mehr – der Tätowierer Patrick Wolf hat seiner Kundschaft nahezu jedes Motiv der rechten Szene auf die Haut gemalt. Auch sein eigener Körper ist mit Motiven verziert, die nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft ein klarer Fall von Volksverhetzung sind.
Am Montag, dem achten Prozesstag gegen den »Schlitzer« am Landgericht Gießen, ging es aber nicht nur um die Tätowierungen, sondern auch um einen angeblichen Versuch Wolfs, einen Nachbarsjungen zu verletzen.
Patrick Wolf hatte im Tätowiergeschäft seine Nische gefunden – soviel ließ sich nach Beendigung des achten Prozesstages gegen den 26-jährigen Echzeller festhalten. Bei einer Hausdurchsuchung im Frühjahr 2011 hatten Polizeibeamte unter der Theke seines Düdelsheimer Tattoo-Studios einen Ordner gefunden, dessen Inhalt den meisten Menschen wohl den Atem stocken lässt: Fast die gesamte Bandbreite an Neonazi-Körperkunst war auf fast 100 Seiten mit Fotos und Skizzen abgebildet. Hakenkreuze, Runen, Eiserne Kreuze, Slogans der SS und Bilder von Adolf Hitler in unterschiedlichsten Posen waren noch die »harmloseren« Motive, verglichen mit einer Tattoo-Vorlage, die zeigt, wie ein Bagger Leichenberge in ein Massengrab schiebt, während ein Soldat einem Getöteten in den offenen Mund uriniert.
Tattoo-Kunden gewarnt?
Wolf bestritt nicht, der Besitzer des Ordners zu sein. Der sei seine »Kartei, zur Ablage von Tätowierungen, die ich schon gemacht habe«. Meist seien die Kunden mit derartigen Motiv-Wünschen an ihn herangetreten. Er habe den Ordner nicht offen ausgelegt, sagte der Tätowierer. Den Vorwurf, gegen das Verbot der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verstoßen zu haben, stritt Wolf ab. Er betonte, seine Kunden vor dem Tätowieren gewarnt zu haben. »Die Leute bekommen gesagt, dass sie das nicht öffentlich zeigen können«. Er habe seine Kundschaft stets darauf hingewiesen, dass ein Schwimmbadbesuch mit derartigen Verzierungen nicht mehr möglich sei.
Doch Wolf passierte selbst ein Fauxpas: Am Rosenmontag 2011 wurde er ins psychiatrische Krankenhaus in Friedberg gerufen. Ein Freund von ihm habe randaliert und ständig nach ihm verlangt, erinnerte sich der 26-Jährige. Der Angeklagte erklärte, er habe vor Betreten des Krankenhauses seinen schwarzen Pullover ausgezogen. Nur im T-Shirt, die tätowierten Arme unverdeckt, betrat Wolf das Krankenhaus, beruhigte den Freund. Ein Polizist studierte derweil die Tatoos des Echzellers. Es sei »reiner Zufall« gewesen, dass ihm ein Motiv aufgefallen sei, sagte der Polizeibeamte. Er habe auf Wolfs rechtem Arm einen Galgen, mit daran aufgehängtem Davidstern mit rotgerändertem Einschussloch gesehen. Neben dem Galgen sei ein Soldat mit angelegtem Gewehr zu sehen, darunter ein Haufen Totenschädel – für die Staatsanwaltschaft ein klarer Fall von Volksverhetzung.
Nicht für Wolf: Er halte das Motiv für »unproblematisch«. Denn er leugne den Holocaust ja nicht, sagte Wolf. Seiner Meinung nach erzähle der Arm die Geschichte. Das Tattoo zeige nur, was früher passiert sei. »Ich hätte auch einen Rabbiner an den Galgen hängen können, nur hätte das blöd ausgesehen«, sagte Wolf. Normalerweise seien seine Tätowierungen in der Öffentlichkeit verdeckt, er trage sogar meist einen Filzstift mit sich herum, um die Bilder vorübergehend unkenntlich zu machen, »um Ärger zu vermeiden«. Den Richtern zeigte er am Montag bereitwillig seinen Arm, den auch die Staatsanwaltschaft interessiert studierte.
Anklage: Nachbarsjungen gefährdet
Neben den Tattoos stand noch ein weiterer Anklagepunkt auf der Tagesordnung: Die Staatsanwaltschaft wirft Wolf einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr vor. Er soll im April 2011 mit dem Auto auf einen Jugendlichen aus Echzell zugefahren sein, der wegspringen musste, um nicht überfahren zu werden.
Der 16-Jähriger, sagte aus, Wolf habe sein Auto beschleunigt und sei mit quietschenden Reifen auf ihn zugeschossen. Eine Augenzeugin des Vorfalls berichtete, das Mercedes-Taxi, in dem Wolf gesessen habe, habe den Jungen nur »um Haaresbreite« verfehlt. Schlimmeres sei nur verhindert worden, weil der 16-Jährige reflexartig einen Satz zurück gemacht habe. Wolf bestritt, dass es jemals zu solch einer Begegnung gekommen sei. Stattdessen warf er den Zeugen Falschaussagen und der Staatsanwaltschaft vor, sie wolle seine »Mobilität einschränken«.
Während der Verhandlung wurde deutlich, dass der Angeklagte mit der Familie des 16-Jährigen wohl im Streit gelegen hatte. Wie der Teenager berichtete, kam es nach einer Party in Wolfs Hofreite in Gettenau zu einer Auseinandersetzung, nachdem seine Mutter vier grölende Männer auf der Straße um Ruhe gebeten hatte. »Sie sind bei uns in den Hof eingedrungen und sind auf meinen Vater losgegangen«, sagte der Jugendliche.
Die Verhandlung wird fortgesetzt. Die Staatsanwaltschaft legt dem Angeklagten unter anderem zahlreiche Drogendelikte zur Last, aber auch Verstöße gegen das Waffengesetz, Körperverletzung, Volksverhetzung und mehr.
© Wetterauer Zeitung 2.10.2012
- Frankfurter Rundschau – Hitler unter der Haut
- Kreis Anzeiger – Echzeller weist jede Schuld von sich
- Frankfurter Rundschau – Vergessene Kopfnuss
- Frankfurter Rundschau – Hakenkreuze und Glatzentreffen
- Wetterauer Zeitung – Prozess: Unter Duschköpfen im »Brausebad« gefeiert?
- Frankfurter Rundschau – Das Schluchzen des Schlitzers
- Wetterauer Zeitung – Patrick Wolf will nicht zurück in die Wiesengasse
- Wetterauer Zeitung – Idee der Wolf-Clique: »Zerballern wir die Karre«
- Wetterauer Zeitung – Prozess gegen Patrick Wolf: Waffennarr ohne Waffen?
- Wetterauer Zeitung – Prozess gegen Wolf: Polizist mit Deckname »Kai« sagt aus
- Frankfurter Rundschau – Waffenreplika als Deko
- Frankfurter Neue Presse – Für den „Schlitzer“ wird‘s ernst
- Wetterauer Zeitung – Zeuge: Amphetamin wie Erdnüsse serviert
- Wetterauer Zeitung – »Schlitzer« gibt Drogengeschäfte teilweise zu
- Kreis Anzeiger – Gleich sieben Anklagen in einem Verfahren
- Kreis Anzeiger – „Gaskammer-Party“, Drogen und etliche Waffendelikte
- Wetterauer Zeitung – Prozess gegen den »Schlitzer« beginnt
- Frankfurter Rundschau – Weg mit den Nazi-Tattoos
- Frankfurter Rundschau – Hakenkreuze und MG
- Wetterauer Zeitung – Maschinengewehr beim »Schlitzer« entdeckt
- Wetterauer Zeitung – »Schlitzer« Patrick Wolf wird in Kürze vor Gericht gestellt
- Frankfurter Neue Presse – Als der „Schlitzer“ ins „Brausebad“ einlud
- Wetterauer Zeitung – »Schlitzer« Patrick Wolf ist seit Montag wieder in Haft
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- Wetterauer Zeitung – Mit dem »Schlitzer« 5 Kilo Drogen gekauft
- Wetterauer Zeitung – Verdacht auf Drogenhandel
- Bild – Hessens Obernazi in Haft
- Frankfurter Rundschau – Neonazi in Haft
- HR Online – Neonazi wegen Drogen verhaftet
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