Presseberichte

Frankfurter Rundschau – Vergessene Kopfnuss

Das Verfahren wegen Körperverletzung gegen den Rechtsextremen Patrick W. wird eingestellt. Bei einer Jubiläumsfeier eines Vereins hatten seine „Old Brothers“ einen Türken krankenhausreif geschlagen. W. hat aber noch genügend anderes, für das er sich verantworten muss.Fest steht: Der SV Reichelsheim hat am Wochenende vom 6. bis 8. August 2010 seine 90-Jahrfeier zelebriert. Fest steht auch: Samstagnacht gab es dort eine Schlägerei, bei der einige „Old Brothers“ mitmischten. Und ein türkischer Familienvater hatte am Ende eine Nasenbeinfraktur, Blessuren und abgebrochene Zähne.

Wer aber an der Prügelei beteiligt war, wer wen provoziert und wer zuerst zugeschlagen hat, wird nicht klar am siebten Verhandlungstag des Prozesses gegen Patrick W. am Landgericht Gießen. Das Verfahren wegen Körperverletzung gegen den 26-Jährigen aus Echzell, der als Kopf der „Old Brothers“ gilt und auf den Spitznamen „Schlitzer“ hört, wird am Dienstag eingestellt.

Chaos unter den Zeugen

Es falle „im Hinblick auf die weiteren dem Angeklagten zur Last gelegten Taten“ und auf das zu erwartende Gesamtstrafmaß nicht ins Gewicht. Außerdem, so der Vorsitzende Richter Dietwin Johannes Steinbach, habe man den ganzen Vormittag verhandelt, ohne zu nennenswerten Erkenntnissen gekommen zu sein. Denn die Zeugen warten mit teils sehr unterschiedlichen Versionen des Geschehens auf – sofern sie sich überhaupt daran erinnern können, respektive wollen.

Das heute 38-jährige Opfer, das als Nebenkläger auftritt, schildert den Hergang wie folgt: Er habe sich im Festzelt mit Vereinskollegen unterhalten, als sich einige Männer dazwischengedrängt und gefragt hätten, ob er wisse, was das „OB“ auf ihren T-Shirts heiße. Auf sein Nein hin hätten sie gesagt: „Das wirst du schon noch erfahren.“ Die Security sei eingeschritten, doch später hätte sich die Gruppe erneut um ihn „postiert“. Plötzlich sei W. aufgetaucht und habe ihm mit den Worten „Hast du ein Problem?“ eine Kopfnuss gegeben. Mit blutender Nase sei er nach draußen – wo die „Old Brothers“ über ihn hergefallen seien. Es habe sie wohl „gestört, dass sich ein Türke mit Deutschen arrangieren und amüsieren kann“, mutmaßt der Nebenkläger über den Grund der Attacke.

Die Zeit und der Alkohol

Die allerdings soll W. zufolge genau andersherum abgelaufen sein: Der Nebenkläger habe ihm eine Kopfnuss verpasst. Ein Zeuge aus W.s Dunstkreis bestätigt dessen Variante. Andere Zeugen bestätigen die des Nebenklägers – zumindest den Teil, der sich vor dem Zelt abgespielt haben soll. Bemerkenswert auch, dass fast alle, die am Dienstag aussagen, offenbar ein schlechtes Gedächtnis besitzen. „Da kann ich mich nicht dran erinnern, das ist ja schon zwei Jahre her.“ Und außerdem: der Alkohol.

Somit bleibt auch offen, ob die „Old Brothers“ nun Einheitskluft trugen oder nicht. Und noch etwas, nämlich die Frage, wie es eigentlich passieren kann, dass ein einzelner Mann bei einem großen Zeltfest krankenhausreif geprügelt wird – und sich kaum jemand darum zu scheren scheint.

© Frankfurter Rundschau 26.09.2012

 

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