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fluter. – »Braune Ortschaften?«

Bombendrohung auf FacebookAbgeschiedenheit und Nähe machen die Provinz für Nazis attraktiv 

Dörfer sind anders als Städte. Auf dem Land kennt meist jeder jeden und so weiß man, wenn der ältere Nachbar, die freundliche Frau an der Edekakasse oder der beliebte Rechtsanwalt rechtsextreme Meinungen und rassistische Vorurteile haben – nur gesprochen wird meist wenig darüber. „Rechtsextremes Gedankengut wird von einer schweigenden, eher konservativ denkenden Mehrheit geduldet und niemand so schnell aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, nur weil er ein ‚bisschen‘ anders denkt als die Masse“, sagt Thomas Alber, Koordinator des Lokalen-Aktionsplans „Toleranz fördern Kompetenz stärken“ (LAP) in den hessischen Kommunen Echzell, Florstadt, Reichelsheim und Wölfersheim. Es sind Orte, in denen sich Menschen gegen rechtsextremes Gedankengut wehren. „Und das schon vor Bekanntwerden der NSU-Terrorzelle“, wie Alber betont.

Das Spektrum rechtsextremer Erscheinungsformen wird zunehmend unüberschaubarer – vor allem auf dem Land. Dort können sich Neonazis ungestörter als in der Stadt bewegen: Über soziale Arbeit gehen sie auf Stimmenfang, treten als Kümmerer auf. Sie reden ganz offen an Stammtischen mit, in Elternbeiräten, Sportclubs oder Vereinen. Schritt für Schritt entstehen so rechtsextrem dominierte Regionen. „Nicht selten sind selbst Bürgermeister, Stadtverordnete und Polizeibeamte über verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Umfeld von rechtsextremen Personen verbunden. Da gibt es eine Hemmschwelle, jemanden anzuzeigen“, sagt Albers.

Die Legende vom Schlitzer
Der Verfassungsschutz geht in seinem Bericht für das Jahr 2010 davon aus, dass von den 1.450 Rechtsextremisten in Hessen 300 NPD-Mitglieder und 250 Neonazis sind. Gewaltbereit seien etwa 400 Szene-Anhänger. Die Hälfte der hessischen NPD-Kommunalparlamentarier kommt aus der Wetterau, aus Gemeinden wie Echzell, Florstadt, Reichelsheim und Wölfersheim. Zudem leben in der Region Anhänger der „Autonomen Nationalisten“ und rechtsextreme Metal-Fans. Viele von ihnen verfügen in den Gemeinden über ein großes Netzwerk an sozialen Kontakten – wie beispielsweise in Echzell.

Dort hat 2007 eine rechtsextreme Gruppe namens „Old Brothers“ ihren Stützpunkt aufgebaut. Ihr Anführer ist Patrick W, der mit seinem Beinamen „Schlitzer“ die Legende pflegt, er habe einen Migranten mit dem Messer verletzt. W. gilt als eine der Hauptfiguren der rechtsextremen Szene. Vor seinem Umzug nach Echzell betrieb er einen Tätowierladen in Wölfersheim, den er auf Druck der Gemeinde räumen musste. Daraufhin verlagerte er seine Tätigkeit in die Hofreite, sein „Old Brother’s Castle“ in Echzell.

Für die Anwohner war die Nachbarschaft mit W. in den ersten Jahren entspannt. Dann kam es zum Streit. Jedoch nicht wegen seiner Gesinnung, sondern wegen seiner Partys. Gefeiert wurde in der Scheune oder auf dem Hof im „Brausebad“, einem kleinen Diskoraum, in dem blanke Duschköpfe von der Decke hingen, aus denen nachts weißer Partynebel waberte. „Vergasung“ als Partygag: ein Highlight seiner so genannten „Kammerparties“, zu denen W. über das Soziale Netzwerk „Wer kennt wen“ einlud. Nachts grölten Gäste der Parties Nazi-Gesänge auf der Straße, Kampfhunde kläfften, es kam zu Sachbeschädigungen. Als der rechte Mob einen Nachbarn verprügelte, entkleidete und das Video auf youtube stellte, kamen die Medien nach Echzell – und einige Bürger wurden aktiv. Das war 2009.

Echzells „Grätsche“ gegen Rechts
Der Vorfall in Echzell war die Geburtsstunde der Bürgerinitiative „Grätsche gegen Rechtsaußen“ – heute ein Zusammenschluss aus etwa 70 Wetterauer Bürgern. 2011 wurde der Verein für ihr Projekt „Gemeinsam gegen Rechtsaußen“, einem Festival mit Sport und Musik gegen Rechtsextremismus, vom Hessischen Jugendring mit dem Innovationsförderpreis ausgezeichnet. Heute leitet die Bürgerinitiative das Büro des vom Bund geförderten lokalen Aktionsplans „Toleranz fördern Kompetenz stärken“. „Wir haben einen freien Träger als Koordinierungsstelle gewählt, um näher an die Zivilgesellschaft zu rücken und sie besser mit den Behörden zu verzahnen“, sagt Koordinator Alber, der auch das Ordnungsamt in der Gemeinde Echzell leitet.

Den Aktiven vom Aktionsplan geht es nicht nur um die Jugend, die sie von der rechtsextremen Szene fernhalten wollen, sondern vor allem auch um die Erwachsenen. Denn das braune Gedankengut kommt meist von ihnen, heißt es in zwei aktuellen LAP-Studien. Es nütze wenig, in der Schule aufzuklären, wenn am Abendbrottisch Rassismus gepredigt werde, sagt Albers: „Wir haben hier ein Erwachsenen- und kein Jugendproblem.“ Der verdeckte Rassismus und Rechtsextremismus sei der ideale Nährboden für Gruppen wie die Old Brothers.

So habe es im Ort über den „Schlitzer“ geheißen: „Der ist doch harmlos, ein dummer Bub“, sagt Sabrina Lauster von der „Grätsche gegen Rechtsaußen“. Mit ihrer Meinung hätten sie als Bürgerinitiative keinen einfachen Stand in der Bevölkerung. „Bis heute bemühen wir uns, der Dorfgemeinschaft zu zeigen, dass wir auch zur Vereinslandschaft gehören“, sagt Lauster. Die Toleranz für die Gruppe der „Old Brothers“ sei jedoch immer noch größer als die gegen Rechtsextremismus, sagt Alber. „Ich kann im Moment noch nicht sagen, dass sich hier eine nachhaltige Wandlung vollzogen hätte.“

Nazis im Schafspelz
Neonazi W. wurde im Sommer vergangenen Jahres verhaftet, weil die Polizei bei einer Razzia vier Kilo Amphetamin bei ihm gefunden hatte. Im November kam er aus der U-Haft frei und wartet jetzt von einer elektronischen Fußfessel bewacht auf seinen Prozess. Auch die Medien waren wieder da, als die „Old Brothers“ seine Rückkehr feierten. Es war die gleiche Zeit, als die Machenschaften der Zwickauer Neonazis ans Licht kamen. Die meisten Echzeller sehen in ihm jetzt einen Kriminellen. „Deshalb wird er jetzt von der Dorfgemeinschaft abgelehnt, sein Rechtsextremismus wird dabei gerne galant übergangen“, sagt Alber. Dabei ist W. nicht nur kriminell. Er ist eben auch rechtsextrem, wenn auch ohne eindeutige politische Agenda. Für viele Jugendliche bleibt er eine Mischung aus großer Bruder, Sozialarbeiter und Feierbiest.

Ein Problem seien eben die großen Entfernungen zu alternativen Jugendeinrichtungen, sagt Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative Wetterau. „Dieser Zustand wird von Neonazis ausgenutzt, um orientierungslose Jugendliche mit eigenen Freizeitangeboten zu werben.“ Der beste Schutz gegen Rechtsextremismus sei daher eine vitale Dorfgemeinschaft, ein Leben in Vielfalt, erklärt Alber. Denn das Problem erledige sich nicht von allein, auch wenn es um W’s Hofreite in der Wiesengasse in letzter Zeit ruhiger geworden ist.

 

© Wetterauer Zeitung 13.03.2012   Bild: J Fry / FreeDigitalPhotos.net

 

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