Kreis-Anzeiger – „Sich erinnern bedeutet, wachsam zu sein“
(pha). Viele Besucher drängten sich auf den Bänken der evangelischen Kirche in Bisses, als Pfarrer Heinz Weber zu Beginn der Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen, deren Bedeutung in zwei Sätzen zusammenfasste: „Die Opfer zu vergessen bedeutet, sie ein zweites Mal zu töten. Sich erinnern bedeutet, wachsam zu sein für die Zukunft.“
Der neu gegründete Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Echzell“ hatte gemeinsam mit den Echzeller Kirchengemeinden und dem Verein „Grätsche gegen Rechtsaußen“ anlässlich des Jahrestags der Novemberpogrome von 1938 zu einer Gedenkstunde in die Bisseser Kirche eingeladen, in deren Mittelpunkt die Opfer des Nationalsozialismus standen. Die Veranstalter erinnerten an Mitbürger, die verfolgt, gequält und ermordet worden waren.
Beispielhaft für die Schicksale jüdischer Mitbürger Echzells wurde die Geschichte von Julius Simon und seiner Familie angeführt. Ein fußballbegeisterter Metzger, 1920 Gründungsmitglied des SV Echzell, der 1931 noch zu dessen Vorsitzenden gewählt wurde. 1935 siedelte Julius‘ Familie nach Frankfurt um. Ein Teil der Kinder emigrierte in die Niederlande, doch überlebte niemand den Holocaust. Am 6. Oktober 1944 starben Julius Simon und seine Frau Milli sowie deren Vater im Konzentrationslager Auschwitz. Milli Simon hatte einen Bruder, Siegfried, der den Holocaust überlebte. Dessen 1928 in Gettenau als Marlies Simon geborene Tochter war zur Gedenkstunde angereist. Sie lebt heute unter dem Namen Miryam Marliese Laadai in Tel Aviv.
Ihr Vater Siegfried Simon hatte in den 1960er Jahren einen Brief geschrieben, der von Sabrina Lauster verlesen wurde. Zuvor hatte Gitta Seckel aus dem Buch „Gettenau, wie vieles früher einmal war“ einen Text über die in Gettenau lebende Lina Leopold verlesen. Da der Text auf Kindheitserinnerungen des Autors Gustav Helmut Schäfer beruhte, gewährte er den Anwesenden einen Einblick in das gemeinsame Leben von Juden und Christen in Echzell vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Die Anwesenden erhoben sich, als Dr. Christian Becker und Dr. Jochen Degkwitz 58 Namen jüdischer Echzeller Bürger verlasen, die nachweislich ermordet wurden. Die Recherchearbeit ist hier jedoch noch nicht abgeschlossen. Wie Degkwitz später erklärte, forsche der Arbeitskreis noch nach etwa zwei Dutzend in Echzell geborener Juden, deren Schicksal bisher ungeklärt sei.
Mit ruhigen aber auch aufrüttelnden Werken verliehen Dr. Ralf Schäfer an der Orgel und Johanna Backes an der Klarinette der Veranstaltung einen würdigen musikalischen Rahmen.
Die Psalmen, erklärte der katholische Pfarrer Wolfgang Kaiser, seien die ältesten gemeinsamen Gebete von Juden und Christen und verbänden so beide Religionen miteinander. So betete man gemeinsam den Psalm 126 und das Vaterunser.
Ein kurzer Gedenkmarsch im Kerzenschein endete auf dem Jüdischen Friedhof in Bisses. Dort sprach Bastian Roos das jüdische Totengebet „Kaddish Yatom“ in hebräischer Sprache, wofür sich Miryam Marliese Laadai besonders bedankte.
Nach jüdischer Sitte hinterließen die Teilnehmer der Gedenkfeier kleine Steine auf den Grabmälern. Noch lange nach dem Ende der Gedenkstunde standen Menschentrauben auf der Bisseser Straße, diskutierten und sprachen über das Gehörte und die Geschichte.
© Frankfurter Rundschau 2010
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